Nach einer Amputation lernen viele Betroffene das Gehen neu. Das Dieburger Sanitätshaus Klein bietet spezielles Training, das Mobilität und Lebensqualität verbessert.
Dieburg. Es war im Jahr 2009, als sich für Barbara Brach-Hampe nach einem tragischen Unfall einiges in ihrem Leben änderte: Ein Gabelstapler für ihr ans Bein. Der Aufprall und die Verletzung waren so schwer, dass ihr linker Unterschenkel amputiert werden musste. Seit 2013 nimmt die 63-Jährige an einer speziellen Schulung teil, die es ihr erlaubt, im Alltag besser zurecht zu kommen und viele Anforderungen zu meistern: hinsetzen, aufstehen, etwas vom Boden aufheben. Alltägliche Dinge eben, die andere ohne große Anstrengung erledigen. „Wer mit einer Prothese lebt, muss das Gehen neu erlernen und das Zusammenspiel zwischen Körper und der Prothese justieren“, sagt Gehschultherapeutin Elke Breitgraf. Dabei beginne die Physiotherapie bereits mit dem Zeitpunkt der Genesung. „Das Gehen ist ein komplexer Vorgang, der ein Zusammenspiel von Gehirn, Nerven und Muskeln erfordert“. Mit einer Prothese, sei es für Fuß, Unter- oder Oberschenkel, verändere sich dieser Ablauf grundlegend.
Mobilität und Lebensqualität der Patienten wiederherstellen
Seit zwölf Jahren bietet Breitgraf im Dieburger Sanitätshaus Klein ein gezieltes Training an. So auch am bundesweiten „Tag der Amputierten“, den der Bundesverband für Menschen mit Arm- oder Beinamputationen (BMAB) erstmals ausgerichtet hat und der künftig jährlich im April stattfinden soll. Vorbild ist der in den USA etablierte „Limb Loss Awareness Month“. Ziel des Aktionstages ist es, Menschen mit Amputationen und ihre besonderen Bedürfnisse stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Neben der Sensibilisierung der Bevölkerung sollen Empathie, Verständnis und gesellschaftliche Aufmerksamkeit für die Lebensrealität von Betroffenen gefördert werden.
Im Sanitätshaus Klein sind an diesem Tag verschiedene Parcours aufgebaut. Unter Aufsicht lernen die Teilnehmer, die Prothesenseite bewusst zu belasten. Mal gehen die Teilnehmer auf einer weichen Matte, um das Gleichgewicht zu halten, mal auf einer mit vielen Unebenheiten, die Kopfsteinpflaster simulieren soll. Einige Teilnehmer laufen am Barren, andere üben freies Gehen in Begleitung einer Therapeutin oder machen Krafttraining mit Therabändern. Ein junger Mann Mitte 30, selbst Mediziner, der seine Unterschenkelprothese erst seit wenigen Monaten hat, übt Treppensteigen, noch mit Gehhilfen. Neben Breitgraf geben die beiden Orthopädietechnikmeister Martin Brehm und Jasmin Rössler und ihr Team Hilfestellung, Tipps und beantworten Fragen. „Unser Ziel ist es, die Mobilität und Lebensqualität der Patienten bestmöglich wiederherzustellen“, sagt Breitgraf. Nach Angaben des BMAB gibt es in Deutschland jährlich schätzungsweise 40.000 bis 50.000 Neuamputationen. Anders als häufig vermutet stehen Unfälle nicht an erster Stelle der Ursachen. In den meisten Fällen führen Durchblutungsstörungen, also Gefäßerkrankungen, dazu, dass Extremitäten abgenommen werden müssen. So war es etwa bei Ramona Gaul. Ihr Unterschenkel musste wegen eines arteriellenGefäßverschlusses amputiert werden, wie sie dem ECHO erzählt. Seit rund einem Jahr trägt sie nun eine Prothese und nimmt an der Gehschule im Sanitätshaus teil.
Weitere Gründe sind bakterielle Infektionen oder Tumorerkrankungen an Weichteilen oder Knochen, wie Breitgraf sagt. Häufig führt auch Diabetes zum Verlust einer Extremität: Wegen einer schlechten Durchblutung bekommt Gewebe zu wenig Sauerstoff. Es entstehen Infektionen oder – im schlimmsten Fall – es stirbt Gewebe ab. Dann ist eine Amputation unumgänglich. Dies war der Grund bei Hans-Jürgen Stein. Bei dem 72-jährigen früheren Berufsfeuerwehrmann führte dies zum Verlust beider Unterschenkel. 20 Operationen musste er über sich ergehen lassen. 2016 wurde ihm der rechte Unterschenkel angenommen, 2023 der zweite.
Prothesenschaft wird in Dieburg angefertigt
Im Sanitätshaus wird jede Versorgung individuell geplant: Nach der medizinischen Beurteilung des Stumpfs wird in der Werkstatt ein passgenauer Prothesenschaft angefertigt – das Verbindungselement zwischen Körper und künstlichem Glied. Eine Unterschenkelprothese besteht aus mehreren Komponenten, die an den Nutzer angepasst werden, um eine sichere Mobilität zu ermöglichen. Die wichtigsten Bestandteile sind der Schaft, der den Stumpf aufnimmt. „Der erste Schaft ist immer temporär“, erklärt Jasmin Rössler, „weil sich ja die Form des Stumpfes in der ersten Zeit nach der Amputation verändert.“ Nach einer gewissen Zeit muss der Schaft dann angepasst oder aber komplett neu angefertigt werden, meist aus Carbon. Weitere Teile sind der Prothesenfuß und verschiedene Verbindungselemente aus leichten und festen Materialien wie Titan oder Aluminium. Bei jeder Unterschenkelprothese handelt es sich um eine Maßanfertigung, die Kosten liegen meist zwischen 4.000 und 40.000 Euro, können im Einzelfall aber auch deutlich höher sein.
Selbsthilfegruppe „Agil“
Die Selbsthilfegruppe „Agil – Amputierte ganz im Leben“ besteht seit 2010. Erreichbar ist die Gruppe telefonisch unter 06151-3076756 oder per Mail an mail@agil-muehltal.de. Weitere Informationen über die Gruppe gibt es auch online unter www.agil-muehltal.de Beim Gehschultag liegt Hans-Jürgen Stein ausgestreckt auf einer Matte: Er muss versuchen, mit oder ohne Hilfe eines Stuhls wieder in die Senkrechte zu kommen, was ihm nach kurzer Anstrengung denn auch gelingt. Nach seinem Schicksalsschlag hatte sich Stein der Selbsthilfegruppe Agil (Amputierte ganz im Leben), einem gemeinnützigen Verein mit über 20 Beinamputierten und ihren Angehörigen, angeschlossen, dessen Vorsitzender er nun ist. Der 72-Jährige ist trotz seines Handicaps guter Dinge: „Ich habe Glück, dass ich meine Knie noch habe, das hilft mir beim Treppensteigen“, sagt er. Sein Motto: „Es hilft ja nichts, man muss laufen können.“
Autor: Stefan Scharkopf
